Inwiefern gilt ein atypischer Lebenslauf als Makel statt als individuelle Entwicklung?

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Jeder Mensch ist einzigartig, doch Einzigartigkeit ist im beruflichen Kontext rasch ein Problem. Längere Krisen und Ausfälle wirken sich merklich auf die Berufsaussichten aus. Auch Jahre der Selbstfindung, eine Selbstständigkeit in einem nicht klassischen Bereich und die Familiengründung oder ihre Planung behindern den Zugang zu gewünschten Positionen. Andererseits lösen Individualisten bei vielen Menschen Bewunderung aus. Ist ein atypischer Werdegang also eher ein Makel oder Zeichen einer individuellen Entwicklung, die zur Inspiration der Massen dient?

Was ein atypischer Werdegang im beruflichen Kontext ist

Das Berufsleben verlangt nach klassischer Berufsausbildung oder einem universitären Studiengang. Auch der Quereinstieg in einen fachfremden Bereich kann gelingen und zu attraktiven Positionen führen.

Weniger einfach gestaltet sich die berufliche Laufbahn für arbeitsuchende Menschen, die bereits länger keine Chance zur Teilhabe hatten. Gleichsam schwer haben es erkrankte Menschen oder jene, die einen untypischen Lebensweg aufweisen.

Das betrifft Personen, die sich früh selbstständig machten und keinerlei staatliche Ausbildung absolvierten.

Ebenso zeigt sich ein erschwerter Zugang zu üblichen Betätigungsfeldern, wenn Menschen in alternativen Berufen wirken. In diesem Bereich agieren etwa Künstler, Schriftsteller, heute auch der Content Creator, Designer und Heilpraktiker. Sie alle unterliegen dem Verdacht, sich nicht gerne in einen gewissen Rahmen einzufügen.

Ferner gesellt sich die Familiengründung auch heute noch zur Gruppe potenzieller Risiken für Arbeitgeber. Wer viele verschiedene Jobs ausführte, sich wechselhaft gibt, reiht sich in die Gruppe jener mit atypischem Werdegang ein.

Nein.

Der ideale Lebenswurf verläuft linear und lässt keine Fragen offen. Treten hingegen Lücken auf, kamen Menschen auf fragwürdige Weise vom ursprünglichen Weg ab, schlugen sie hier und da neue Richtungen ein, so ist von einem lückenhaften oder atypischen Werdegang die Rede. Von jenen, die sich spät für das einst früh zu Absolvierende entscheiden, möchte ich gar nicht reden.

Vom Makel zum Debakel - Wenn der Lebenslauf an Ausdruck gewinnt

Im Duft der Jugend liegt ein zarter Schleier unendlicher Möglichkeiten verborgen. Wir glauben, alles sei denkbar und das Undenkbare sei uns Passion. Nichts würde uns in die Quere kommen, denn Mühsal und Leistung würden sich auszahlen.

Die Kraft versetzt Berge in den frühen Jahren, die sich später als milde Herausforderungen einer Blütezeit im Leben entpuppen.

Manch einer gönnt sich noch ein wenig Zeit für die Selbstfindung, reist um die Welt, erfreut sich am wohligen Leben und an der erwachsenen Freiheit.

Doch kehren sie zurück, zerbricht ihnen die Welt in einem Stück.

Plötzlich gilt es, sich zu erklären, sich zu definieren, gar zu rechtfertigen für ein Leben in Freiheit, ein Leben mit einer belastenden Krankheit, ein Leben mit einer eigenen Familie.

Ein Leben, das Geschichte schreibt.

Eine Geschichte, die von Überwindung handelt,

in der Ungesehene zu Helden mutieren,

Krebs besiegen,

Kinder oder Eltern pflegen,

Ausschluss erfuhren,

sich selbst entdecken wollten.

Für das Leben in eine innere Schlacht zogen.

Soldaten ohne Waffen waren, die sich Mut erkämpften, weil sie an die Hoffnung glaubten und ihnen der Glaube Hoffnung schenkte.

Soll sie nun betrübt sein von einer Realität, die keine Lorbeeren zur Ernte bietet?

Keine Zweifel einladen: Volle Kraft voraus und zurück in die eigene Geschichte, die eigene Tätigkeit, das persönliche Wirken.

Es mag nicht gelingen.

Der Wert steht nirgends auf dem Blatte, das man Lebenslauf nennt und welcher gleichzeitig eine künstliche Verknappung einer Wirklichkeit zum Ausdruck zu bringen gezwungen ist.

Trotz aller Mühen bleibt der Weg in die Arbeitswelt versperrt, während sich die anfänglich leisen Laute des Lebenslaufes in kreischendes Geschrei verwandeln und jeden abschrecken, der sich beruflich damit beschäftigt.

Die unbemerkten Kosten der Einzigartigkeit

Das Recht zur Individualität ist eines, dessen Ausmaß im Auge des Betrachters zu liegen scheint.

Nirgends genau festgelegt.

Liegt es schließlich am Wohlwollen des Einzelnen, über eine lückenhafte Lebenslauferscheinung hinwegzusehen und etwaige Krankheitsphasen, Krisen, Alter oder Anzahl der Kinder als Chance und nicht als Verderb zu sehen.

Auch eine künstlerische Laufbahn oder eine längere Selbstfindungsphase spielt einem Unternehmen möglicherweise gewinnbringend zu.

Die Frage ist, unter welchem Aspekt man dies betrachtet und was die vorrangige Zieldefinition des Unternehmens ist.

Offenbar zählt ein atypischer Lebenslauf üblicher- und unglücklicherweise nicht zu einem Gewinn.

Inneres Wachstum bringt kaum Anerkennung und Aufmerksamkeit aus der Berufswelt hervor. Meist ist es Reifenden schon allein aufgrund einer tieferen Bewusstseinsebene ohnehin von sekundärer Bedeutung, Ruhm für ihre Reise zu erhalten. Nichtsdestoweniger erfreut sich der Mensch an einem empathischen Blick der Anerkennung – nicht einer Laudatio gleichkommend.

Nicht einmal das geschieht.

Nichts geschieht.

Keine Einladung zum Gespräch. Eine Absage, wenn überhaupt, trotz Erfüllung aller Voraussetzungen. Ignoranz als weitere Form der Diskriminierung.

Was bleibt, ist nicht Erkenntnis, wohl aber der leise Verdacht, nicht zu genügen, bedeutungslos zu sein, unfähig.

Hinzukommend entwickeln sich Schuld und Scham, der Eindruck ausbleibender gesellschaftlicher Teilhabe. Nicht sein zu dürfen, wo Mensch sich sieht, ist gleichbedeutend mit der Frage nach dem Sinn eigenen Daseins.

Umwege, auf Abwegen.

Faule Kompromisse eingehen.

Hauptsache etwas.

Inneres Betteln versteht sich als Abbild der verlorenen Stabilität.

Ein Kreislauf bildet sich heraus. Den Selbstwert abschwächend.

Die Abwärtsspirale vergrößernd.

Von Schuld zieht der Geist zur Reglosigkeit auf allen Ebenen.

Wer sich im Kern vor sich und Mitmenschen als ungewollt betrachtet, wird Freude und Zufriedenheit aus diesem Augenblick heraus schwer zulassen. Dieses Ungewollt-Sein greift auf nahezu alle Lebensbereiche über.

Vom „Makel“ zur kategorischen Ausgrenzung

Ein atypischer Lebenslauf ist nicht mit einem Makel im Leben gleichzusetzen.

Das Gegenteil ist der Fall: Einzigartigkeit entsteht sicherlich nicht durch kontinuierliche Anpassungsfähigkeit.

Im beruflichen Kontext hingegen wirkt Einzigartigkeit nur, so sie im Rahmen der linearen Lebensführung liegt und sich sozusagen nur am Rande Gehör verschafft. Da wäre etwa ein „auffälliges“ Hobby zu nennen, welches den Lebenslauf nicht behindert oder in Gefahr bringt.

Generell aus der Reihe fallende Menschen bringen einen außergewöhnlichen Lebenslauf mit. Firmen wissen diesen oft nicht zu deuten. Folglich versinkt die Bewerbung im Haufen geglaubter Konkurrenten im Kampf um die Gunst des Arbeitgebers.

Dieser Ausschluss aufgrund des Lebenslaufes und somit Lebensmodells betrifft nicht nur den beruflichen Weg. Auch im sozialen Gefüge stellen sich Herausforderungen ein. Sei es durch den Fakt, dass man sich eine Gesellschaft nicht mehr leisten kann – kosten doch die meisten Szenen im Miteinander zumindest etwas Geld.

Oder sei es durch den Fakt, dass sich manche Freunde als Weltversteher begreifen und zum richtigen Verhalten ermahnen. Getreu der Ansicht, Arbeitslosigkeit und Ausschluss seien lediglich Ausdruck persönlichen Scheiterns. Ihrer Ansicht nach liegen Ursachen für Absagen vorwiegend auf der Seite des Bewerbers.

An dieser Theorie hält man mit Beharrlichkeit fest, bis man selbst in den unschönen Strudel der Absagen gerät und die Meinung zum Selbstschutz revidieren muss.

Im privaten Raum, in Vereinen, bei einer lockeren Begegnung in Bibliothek und Park: Überall folgt auf die Frage nach dem Namen jene nach der beruflichen Tätigkeit. Wer hier ein „Nichts“ anzubringen hat, wird recht schnell beäugt, gewertet und gedanklich abgeschrieben.

Denen ist selbstverständlich nichts von langen Krisen, mühseliger Pflege eines kranken oder älteren Angehörigen oder von der Erziehung eines Kindes, einer schwierigen Ehe, von Burnout oder der Sehnsucht nach Erfüllung im kreativen Beruf zu erzählen. Am besten schweigt der Mund, wenn das Herz nicht gehört werden will.

Es gibt natürlich auch andere Menschen in der Tragödie der Moderne. Sie zu finden, gestaltet sich hingegen schwierig.

Die Integration quälender Schuldgefühle

Ohne Arbeit minimiert sich vorhandenes Geld. In der Folge erlaubt man sich nicht mehr viel, gesteht sich einstige Hobbys nicht zu.

Zu kostspielig, zu unvernünftig.

Den Gürtel enger schnallen, um Weite zu erfahren?

Ambivalent.

Selbst dem Künstler drängt sich der Wunsch nach Normalität auf. Übt er nicht Verrat an sich, so er die geliebte Kunst für das bestehende Unheil verantwortlich macht? Sich zur Anpassung zwingt und die Individualität wegwirft? Ganz der Hoffnung folgend, sie käme eines Tages zurück?

Und wie ist es mit jenem, der eine quälende Erkrankung besiegte und aufgrund fehlender Anstellung diese Zeit mit Schuld versieht?

Oder etwa die Mutter, die ihre Schwangerschaft in Frage stellt und ihr mit Reue begegnet?

Die Familie, die sich der Pflege eines geliebten Angehörigen widmete und Nächstenliebe nun zum Verderb verklärt?

Wie ist es mit der Frau, die das Frau-Sein ablehnt und dem Mann, der das Mann-Sein ablehnt, weil gewünschte Berufe nicht zum Lebensentwurf des jeweiligen Geschlechts passten?

Und wie verhält es sich bei älteren Erwachsenen, die lange Zeit den geglaubten Berufswünschen nachjagten und nun keine Chance auf Eintritt in die Authentizität erhalten?

Allen ist die Schuld gegeben. Schuld am Leben.

Innere Schuld wird durch äußere Schuldzuweisung beantwortet.

Schuld wird als Qual empfunden, als seltsam bedrückendes Etwas in einem von Leere getragenen Körper. Einer, der sich nicht in das Bild der Anpassung einfügen kann oder will.

Darüber hinaus hat Schuld eine weitere Eigenschaft: Sie führt zum Schweigen. Schweigen meint Stille. An dieser Stelle ist es keine wohltuende Stille. Eine von Schuld getragene Schweigsamkeit höhlt den Geist aus.

Selbsternannte „Schuldige“ prahlen nicht mit ihrem Empfinden, bringen es nicht in die Außenwelt. Nicht etwa der Schuld wegen, sondern weil viele Mitmenschen einen atypischen Lebenslauf nicht tolerieren.

Ein Phänomen, welches nicht ausschließlich ein berufliches ist, sondern ein gesellschaftliches. Manche schweigen aufgrund von Rücksicht, denn auch andere Menschen tragen sich mit schweren Themen durch das Leben.

Verschonen.

Wenn niemand ausspricht, was im Inneren Qual bedeutet, wird die innere Qual bald unaussprechlich sein.

Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe und plagende Selbstzweifel

Der Ausschluss eines Menschen ist nicht etwa die Folge eines atypischen Lebensentwurfs. Er ist das Zeugnis der bestehenden und omnipräsenten Intoleranz. Wäre der atypische Lebenslauf den Vorteilen einer individuellen Entwicklung gleichzusetzen, so gäbe es die Intoleranz der Mitmenschen und des Menschen sich selbst gegenüber nicht.

Die erlebte Wirklichkeit deutet sichtbar eher auf das Gegenteilige hin. Menschen mit atypischem Lebenslauf haben selten die Chance zur Teilhabe – ob im beruflichen oder im privaten Umfeld. Es braucht besondere Bedingungen, um in einer solchen Welt wachsen und innerlich gedeihen zu können. Der permanente Ausschluss führt das Gegenteil herbei. Zum Ausschluss von der Teilhabe tritt Rückzug hinzu.

Rückzug ist meist mit ebenso wenig ausgesprochenen Selbstzweifeln verbunden. Auch hier greift ein Teil der Schuld unmittelbar ein. Schuld, die alsbald unsichtbar macht. Unsichtbarkeit bewahrt uns jedoch nicht vor dem Wunsch der Teilhabe.

Quälende Selbstzweifel und der kategorische Ausschluss von allem, was menschlich und würdevoll ist, steht der Leichtigkeit im Leben entgegen. Vor einem Untergang im ewigen Abgrund der Einsamkeit durch Abschottung beschützt lediglich der Wandel und der damit verbundene Mut.

Zwischen innerem Dilemma und Selbstreflexion

Das innere Dilemma zwischen Anpassungszwang und einem individuellen Lebenslauf kann unter Umständen ungeahnte Ausmaße annehmen. Es schafft Leiden ohne Gnade und ohne Zukunft. Die Kompromisslosigkeit der Situation übt Druck auf den Menschen aus. Druck, sich selbst zu finden in einer Welt, die ihn ungesehen und ungeachtet zurückließ. Betend und bettelnd, nicht erhört.

Nicht dabei sein zu dürfen. Unverständnis erntend. Einsamkeit hinterlassend. Nichtigkeit über die eigene Wertigkeit empfindend.

Ein innerer Tiefgang entsteht. Der Tiefpunkt ist stets zu finden, wo wir für weiteres Mühen keine Kraft mehr haben. Seele und Geist beantworten die Erschöpfung des Körpers mit der aufgedrängten Pflicht zur inneren Ruhe.

Keine Abschottung. Ruhe.

Keinerlei Wertung der Situation. Ruhe.

Vergänglichkeit der deprimierten Stimmung. Ruhe.

Kein Endzeitszenario in den Gedanken. Ruhe.

Ruhe ist ein Reich, das zur Selbstreflexion geleitet. Aus ihrer Mitte gelangen die authentischen Gedanken in die Welt – fernab vom Anpassungsdruck.

Scheint alles verloren, zwingt uns das Schicksal zur unermüdlichen Beschäftigung mit der Frage nach dem wirklichen Sinn im Leben. Eine solch intensive Auseinandersetzung ist auf Ruhe angewiesen, um Tiefe zu erreichen.

Gewissermaßen hat sie etwas Trügerisches, diese Ruhe. Zwar gibt sie Volumen für Gedanken. Jene zu ertragen, den Schmerz dahinter zu verstehen und Schuld ins Gesicht zu schauen, ist aber eine der schwierigsten Aufgaben im Leben eines Menschen. Vor allen Dingen in einer Zeit innerer Trauer und des Verlustempfindens über die eigene Rolle in der Welt. Die Konfrontation mit der Thematik im Zeichen der Ruhe führt uns zum Boden der Schuld.

Am Boden der Schuld

In Gedanken zeichnet mir Schuld ein recht düsteres Bild. Oder könnte man am Boden der Schuld Lebendigkeit vermuten? Schuld gräbt sich tief in den Boden – keinem Flachwurzler gleich. Sie verankert sich und ist von Stärke durchzogen. Leitungsbahnen wirken starr und metallisch, jedoch bleiben sie flexibel, trotzen den irdischen Bedingungen. Schuld kann wachsen. Das macht sie lebendig.

Es ist meines Erachtens von ungeheurer Wichtigkeit, Schuld in ihrem Wirken zu verstehen. Wer sie als wachsendes Etwas begreift, weiß um ihre Veränderbarkeit. Wachsen und gedeihen kann nur, was Nahrung erhält. Die Nahrung der Schuld geht von uns Menschen aus. Wer am Boden der Schuld angelangt ist, weiß sich und auch die Schuld nicht mehr zu nähren.

Zu wenig Energie steht noch bereit.

Wenn Kraft nicht mehr für den Wunsch nach Anpassung ausreicht, gehen Selbstzweifel und die Bedeutung äußerer Kritik in nichts über.

Am Boden der Schuld schleicht sich Bedeutung für das Wesentliche ein. Durch das Hintertürchen kommend.

Ein Neubeginn?

Womöglich!

Wer aus der Tiefe eines Brunnens schaut, sieht ins Licht. Wer hingegen von oben hin zum Boden des Brunnens schaut, den erfasst ein schauriges Gefühl. Von unten gewinnen wir einen Eindruck vom Gesamtbild.

Ein Gesamtbild, das nach unserer individuellen Persönlichkeit und Entwicklung verlangt. Wir brauchen Mut, Kraft und den eigenen Kern, um das Tageslicht zu erreichen.

Anpassungsfähigkeit hingegen ist hier frei von Bedeutung.

Nicht der Werdegang macht die Bedeutung, wohl aber unsere einzigartigen Fähigkeiten.

Das Wiedererlangen der Erkenntnis über die eigene Einzigartigkeit und die Bedeutung der individuellen Entwicklung entschärft jedes Sehnen nach Anpassung an eine künstliche Welt.

Ein Augenblick, der Luft zum Atmen schenkt.

Am Boden der Schuld werden innere Selbstsabotage und eigene Schuldzuweisungen nebulöse Gebilde.

Atypische Lebenswege und Lebensläufe entpuppen sich als Chance für alle Fähigkeiten, die der Mensch in sich eint.

Keine Frage mehr an Abschlüsse.

Ausbleibende Frage an Eigentum.

Keinerlei Fragen an Freundeskreise.

Vergessene Frage an äußeren Reichtum.

Am Boden der Stille kommt es nicht mehr darauf an. Wichtig ist lediglich, den Moment als Chance wahrzunehmen und die Chance durch Mut zu nähren.

Individualität als Zeichen von Stärke

Individualität ist eine Konstante, die im jetzigen Zeitalter den Hintergrund mitbestimmt und sich nichts vorgaukeln lässt.

Immer mehr Menschen begeben sich auf Wege fernab der jahrhundertelangen Trampelpfade.

Manche aus Überzeugung, aus Leidenschaft für die Kunst.

Andere aus einer Krise oder einer späten Erkenntnis heraus.

Der Einzelne fühlt sich sehr wohl mit dem Thema Individualität konfrontiert. Kaum jemand weist heute noch einen linearen Werdegang auf.

Das zwingt zum Umdenken.

Der Einzelne ist jedoch nicht die Masse. Unsere Gesellschaft ist in ihrer Gesamtheit noch nicht am Punkt angelangt, Individualität als Zeichen von Stärke zu betrachten. Die Intensivierung der Leistungsgesellschaft binnen der vergangenen Jahre frisst jedoch derzeit ihren eigenen Lebensgeist. Am Ende bleibt Leistung ohne Grenzen, grenzenloses Leisten.

Ohne Funktion. Ohne Zukunft.

Es zeigt sich an der Entwicklung, dass mehr und mehr Menschen unter den Zuständen und Anforderungen leiden, daran zum Teil zerbrechen.

Perfektion ist aller Laster Anfang.

Aller Krise Ursprung.

Aller Freiheit Untergang.

Alles Lebens Tod.

Die Zukunft schreibt ein neues Buch über die Individualität des Menschen. Eines, das gelesen werden will – von Menschen, die Individualität als Stärke betrachten.

Und von jenen, die auf Individualität herabblicken, bis sie sie verstehen.

Wirtschaft ist nur möglich, wenn Menschen gesund in das Leben schauen. Alles andere steht dem Wunsch nach Nachhaltigkeit in allen Bereichen entgegen.

Die aktuellen Tendenzen lassen interessante Rückschlüsse zu. Menschen befassen sich verstärkt mit sich, finden jedoch aufgrund bestehender Missstände – Leistungszwang, Anpassungszwang, Funktionszwang – nicht den richtigen Ton.

Gleichzeitig formt sich eine digitale Gruppe. Menschen, die allein durch das Internet leben können und Freiheit neu definieren.

Der klassische Weg wird immer wieder diskutiert. Schwerpunkte der Diskussionen bilden Wünsche nach Gehaltserhöhungen, Wertschätzung, mehr Freiheit und Mitbestimmung.

Die Reaktionen wirken unbefriedigend.

Krankmeldungen mehren sich. Einige blicken gar mit Verachtung auf die einst geliebte Arbeit herab.

Das markiert den Wendepunkt. Den Wendepunkt zwischen Schuld und Kompetenz.

Wenn die Gesamtstruktur die Individualität als wertvollste Ressource im menschlichen Dasein begreift und diese fördert, vermitteln atypische Lebensläufe den Eindruck einer besonderen Persönlichkeit.

Wir befinden uns derzeit am Scheideweg zwischen Aufrechterhaltung der konservativen Bewerbungsprozesse und Integration echter menschlicher Werte. Nach meinem Dafürhalten markiert der Augenblick bereits den Wandel.

Nicht nur das.

Sobald Individualität ihre Wertschätzung zurückerhält, wird die Kunst unserer Zeit unserer Gesellschaft ein Denkmal setzen. Niemand wird dann nach linearen Lebensweisen fragen.

Die Genies jeder Zeit kämpften nicht um Anpassungsfähigkeit. Sie kämpften um Individualität.

Ein kurzer Abschluss

Der atypische Lebenslauf gilt noch immer als Makel und schließt zahllose Menschen vom Arbeitsleben aus.

Die Gründe sind vielfältig und setzen bereits bei Familiengründung, Krisen, Krankheiten und sogar einer Entscheidung für eine Laufbahn im kreativen Bereich an. Eine Situation, die Betroffene als äußerst schmerzhaft empfinden.

Jegliche Bemühung um Teilhabe im beruflichen Sinn scheitert. Kraft mangelnden Geldes bleiben Treffen mit Freunden aus. Andere Bekannte blicken plötzlich auf Menschen mit atypischem Lebenslauf herab.

Was bleibt, ist der Eindruck eines Ausschlusses auf ganzer Ebene – in Verbindung mit starken Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen.

Keine Teilhabe ist für das soziale Wesen Mensch einem Untergang gleichkommend. Viele stellen den Rückzug zur Selbstfindung und Selbstreflexion an. Am Boden innerer Tiefe angelangt, erblicken sie die eigene Wirklichkeit. Jetzt verstehen sie, dass sie sich aus dem Sumpf des Verderbes nur mithilfe der eigenen Einzigartigkeit befreien können.

Diese Einzigartigkeit und das Streben danach beantworteten die Frage danach, ob ein atypischer Lebenslauf Makel oder Zeichen einer individuellen Entwicklung ist.

Greifbar wird der Gedanke nach einem Blick in unser aktuelles Alltagsgeschehen. Noch immer leiden viele unter Leistungszwang, äußerem Druck und Anpassungszwang. Sie erkranken vermehrt. Ein Zustand, der atypische Lebensläufe kreiert und die Wirtschaft dazu zwingt, sich der Individualität des Einzelnen anzunähern. Die Zukunft wird spannend werden.

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Bild von Aline Raschkowski

Aline Raschkowski

Ich bin Aline Raschkowski, Autorin und Gründerin des Scientaura-Magazins. Mit Leidenschaft für das Wort verfasse ich philosophische Beiträge, Artikel für Zeitschriften und eigene Bücher über das Leben und seine ganz eigenen Wunder. Neben der Passion für tiefgründige Fragen begeistere ich mich für Belletristik, weshalb ich auch als Romanautorin in Erscheinung trete.

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