Kaum etwas wandelte sich und die Menschen binnen vergangener Jahrhunderte derart stark wie die Arbeit.
Fand sie vor der Industrialisierung vorwiegend von Hand statt, so verrichteten Menschen ihre Arbeit später unter Zuhilfenahme diverser Maschinen. Heute bestimmen Computer tägliche Arbeits- und Schaffensprozesse. Von anfänglicher Anstrengung scheint man sich dank technologischer Fortschritte allmählich losgesagt zu haben.
So können wir die zugewonnene Zeit nutzen und uns die Frage stellen: Was ist der Kern der Arbeit für den modernen Menschen? Möglichkeit zur Existenzsicherung oder Ort für die individuelle Sinnsuche?
Die Schwierigkeit des Begriffes 'Arbeit'
Vor der Zuordnung der Arbeit als Begriff zu Kategorien wie „Existenzsicherung“ und „Sinnraum“
scheint es mir konsequent, den Begriff zu erklären.
Das Wort „Arbeit“ meinte von seinem Ursprung her etwas wie „Mühsal“ oder „Anstrengung“. Allein dies hinterlässt den Eindruck, Arbeit sei keineswegs Ort der Sinnsuche. Vielmehr klingt die Anstrengung nach einer Notwendigkeit zur Existenzsicherung.
Überdies wirkt der Begriff „Mühsal“ aus meiner persönlichen Sicht weitaus intensiver als Anstrengung. Im Zentrum von Mühsal und Anstrengung steht für mich dennoch weder die Sinnsuche noch die Sinnfindung. Insofern müsste sich der Begriff „Arbeit“ als Last und Bemühung eindeutig der Existenzsicherung zuordnen lassen.
Andererseits bietet sich ein seltsam anmutendes Bild, wenn Menschen in eben dieser Anstrengung imstande sind, den Sinn zu finden.
Ja, manch einem bereitet die Arbeit bis zum berühmten und allgegenwärtigen Burnout offenbar Freude. Ihre Passion finden diese Menschen nicht im Handeln, wohl aber im Arbeiten.
Dies ist ein entscheidender Unterschied.
Ist dieser Arbeitseifer doch ein Beweis für die Arbeit als heimliche Sinnstifterin oder lediglich Zeugnis einer Leistungsgesellschaft, deren soziales Gefüge und Miteinander maßgeblich von der Arbeit bestimmt ist?
Versteht sich die Arbeit evtl. sogar als Fluchtraum für jene, deren Furcht vorwiegend dort liegt, wo ihre Sinnfindung einsetzt?
Wohl ist es kein Geheimnis, dass Menschen zwar einerseits einen festen Glauben an den eigenen Sinn in sich tragen. Diesen Sinn jedoch zu finden, sich ihm zu stellen, bewerten sie gleichermaßen mit einem gewissen Risiko. Je stärker sie die Arbeit unter diesem Aspekt ausdehnen, desto ferner rückt die Sinnfrage. Das schafft Beruhigung – für den Augenblick.
Immer mehr Menschen blicken auf Arbeit herab. Sie, die den Geist entstellt, die Zeit schmälert, um den Lebenswert beraubt.
Arbeit ist für sie mit der ewigen Last der Menschheit verbunden. Ihr Konflikt besteht nicht zwischen Sinnsuche und Existenzsicherung, denn Arbeit begreifen sie als Mittel zu leben, zu überleben. Nicht aber als aktiv gestaltete Lebenszeit, in der Mensch Mensch zu sein vermag.
Vielleicht handelt es sich bei der Deutung des Arbeitsverständnisses um eine Verwechslung der Arbeit selbst mit dem Sinn.
Ist der Sinn des Menschen in der Arbeit zu finden?
Versteht sich die Arbeit als Sinn des Menschen?
Oder gibt der Mensch der Arbeit ihren Sinn?
Es gibt unzählige Positionen, die Menschen zur Arbeit als Begriff und als Funktion einnehmen können. Eines steht bei aller Vielfalt an Gedanken fest: Jeder Mensch trägt mindestens eine Idee zur Arbeit in sich.
Ich wage jedoch zu behaupten, dass der Mensch als Individuum im Laufe seines Lebens mit mehreren Denkrichtungen zum Thema Arbeit konfrontiert ist.
Tatsächlich fühlt sich Arbeit manchmal nach Passion an. Eine andere Tätigkeit hingegen wirkt zermürbend und ist dadurch eher der Kategorie Existenzsicherung zuzuordnen.
Offenbar hängt die Frage nach Sinn und Existenzsicherung stark von der Qualität der Arbeit ab. Diesem Thema widme ich mich mit der folgenden Überschrift.
Die Qualität der Arbeit bestimmt das Verständnis des Arbeitsbegriffes
Zunächst ist das Wort Qualität näher zu erklären.
Bei der Qualität der Arbeit beziehe ich mich nicht auf die Wertigkeit vollzogener Arbeitsprozesse. Es geht also nicht primär darum, ob jemand gut oder schlecht arbeitet, hervorragende oder mangelhafte Ergebnisse hervorbringt.
Qualität in diesem Sinne meint die Gesamtheit dessen, was Arbeit für den einzelnen Menschen symbolisiert. Demnach ist eine Arbeit von hoher Qualität, wenn sie tatsächlich einen Sinn stiftet. Eine Arbeit von geringer Qualität findet sich dort, wo sie mit dem Sinn unvereinbar ist.
Was aber ist der Sinn? Einen Sinn – und das ist äußerst komplex – gibt es in der Form nicht, zumindest nicht unter Einbeziehung des Wortes „absolut“. Jeder definiert den Sinn anders. So begreifen manche ein hohes Gehalt als einen Sinn. Andere fühlen sich nach getaner Arbeit wohl, haben das Gefühl, etwas geschafft oder gar erreicht zu haben. Eine ebenso interessante Gruppe hat für sich etwas geschaffen, war unterstützend tätig und trug somit zur Weltverbesserung bei.
Es existieren zahllose weitere Möglichkeiten der Sinndefinition in Verbindung mit der Arbeit.
Dabei fällt vorrangig eines auf: Sinn ist immer dort zu finden, wo Arbeit nicht nur nimmt, sondern auch gibt.
Sei es Geld,
seien es Kontakte,
sei es wertvolle Zeit,
sei es Anerkennung,
sei es Aufmerksamkeit,
sei es ein Gefühl lebendig und Teil der Gesellschaft zu sein.
Doch nicht jeder Sinn ist echt und für sich tragend.
Grundsätzlich aber lässt sich sagen: Weiß Arbeit nicht zu geben, stiftet sie keinen Sinn und ist von minderer Qualität.
Nähert man sich dem Thema Arbeit auf diese Weise, so könnte man sie unweigerlich als Sinnstifterin begreifen. Natürlich nur, sofern sie tatsächlich etwas zu geben weiß.
Ansonsten ist und bleibt sie – wie festgestellt – lediglich ein Mittel zur Sicherung der Existenz. Ich möchte behaupten, dass ausbeuterische Arbeitsverhältnisse ohne ein Entgegenkommen in irgendeiner Weise tatsächlich wie ein Sammelsurium an Füllphrasen wirken – leer und ohne Mehrwert.
Dieses Entgegenkommen als Synonym für den Sinn ist essenziell. Allerdings möchte ich einen Aspekt dabei nicht vernachlässigen: Nicht jeder Sinn stiftet wirklich Sinn.
Nicht jeder Sinn stiftet Sinn
Der vorherige Abschnitt endete mit einem in sich fragwürdigen Satz, der einer Erklärung bedarf.
Ich schrieb über den Unsinn im Sinn oder über den Sinn im Unsinn. Vorab erwähnte ich die Arten des Sinnes, die wir in der Arbeit finden können. Einige betrachten Geld, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben als Sinn. Doch nicht jeder Sinn stiftet Sinn. Manch einer entpuppt sich heimlich doch als Mittel zur Existenzsicherung.
Existenz hängt jedoch von mehr als Nahrung, Wärme, Wasser und letztendlich Geld ab. Sie braucht viele weitere Komponenten – nicht für das körperliche Überleben von primärer Bedeutung, wohl aber für das menschliche Leben im Gesamten.
Dabei ist an Freundschaft, Liebe, an Geborgenheit zu denken. Grundbausteine eines mental gesunden Lebens.
Wer also lediglich Geld als Sinn der Arbeit betrachtet, fühlt sich recht bald ausgebeutet. Um dieses sinnlose Tun vor sich zu rechtfertigen, streben derartige Menschen nach noch mehr Geld. Doch dieses Geld – ganz gleich, in welcher Höhe – wird die Lücke des Unsinnes nicht schließen.
Umgekehrt: Vielen liegt Anerkennung ihrer Mitmenschen am Herzen. Sie suchen nach attraktiven Berufen, um zu glänzen, Komplimente zu erhaschen und sich dadurch zu nähren. Gibt die Tätigkeit nur dies und ansonsten keinen Sinn, so bleibt sie Mittel zur körperlichen Existenzsicherung.
Ein solcher Geist – nach Anerkennung von außen lechzend, weil die innere Anerkennung ausbleibt – wird auch mit viel Anerkennung innerlich ausgehöhlt werden.
Mit der Aufmerksamkeit verhält es sich ähnlich. Geht es um das Verheimlichen innerer Leere, um Kompensation eigener Mängel, werden wir Arbeit immer als Mittel zur Existenzsicherung betrachten, wenn wir uns auch einen Sinn darin vorgaukeln.
Ein kleiner Hinweis in die falsche Richtung ist doch gegeben. Wer von etwas immer mehr zu haben gezwungen ist, hat keinen echten Sinn gefunden.
Ein echter Sinn ist nicht auf Steigerung angewiesen, um zu wirken.
Lediglich der Schein-Sinn ist auf mehr von sich angewiesen. Nach dem Schein-Sinn strebende Menschen tappen somit nur in die Falle des Glaubens an eine sinnstiftende Arbeit.
Will heißen: Ist kein Geld der Welt genug, braucht es stets mehr Anerkennung, geht es um den Ausbau der Eigenmacht, so ist es Schwäche, die hervorblitzt und nicht der Sinn.
Das rückt die Frage ins Zentrum, ob es überhaupt einen Sinn gibt und wenn ja, welcher es sein könnte. Sind vielleicht alle befriedigenden Augenblicke nur ein leiser Versuch, den Mangel in der Seele abzuschwächen und sich Existenz zu sichern?
Sind Existenzsicherung und Sinn identisch?
In gewisser Weise mag das so sein. Trotzdem unterscheiden sie sich in einem wesentlichen Punkt.
Mittel zur Existenzsicherung wissen die Stabilität im Stand zu erzeugen.
Mittel zur Sinnstiftung ermöglichen es, zu fliegen.
Die Sicherung der Existenz durch die Arbeit macht bodenständig und dieses ständige auf dem Boden Stehen, macht unfähig für die Einnahme der Vogelperspektive.
Arbeit zur Existenzsicherung ist ein rauer Zustand. Arbeit als Sinnstifterin ist ein freier Zustand.
Ohnehin ist die Beobachtung der Welt aus der Vogelperspektive umfassender als jene aus der Froschperspektive. Sinn und Existenzsicherung verstehe ich demnach nicht als synonyme Begriffe.
Zweifelsohne – und das kommt erschwerend hinzu – deutet das Substantiv ‚Sicherung‘ nicht auf die Freiheit.
Wo etwas absolut sicher ist, ist es unfrei.
Dort, wo etwas absolut unsicher ist, wird es frei.
Wo wir Sicherheit nicht mehr als fiktiven Idealzustand begreifen, dem wir nachzujagen verdammt sind, werden wir mit Sicherheit frei.
Existenzsicherung und Sinn in der Arbeit sind somit zwei eigentlich scharf voneinander abzugrenzende Begriffe, denn Existenzsicherung dient dem Bodenständigen zur Aufrechterhaltung des Daseins. Der Sinn lässt uns emotional fliegen.
Diese beiden Gegensätze sind jedoch nicht unabhängig – sie ergänzen sich oder besser, wirken wechselseitig aufeinander ein. Denn Sinn und Existenz kommen ohne einander nicht aus.
Vielen stellt sich die Frage, ob ihre Arbeit identisch mit ihrem Sinn ist. Die Fragestellung zeigt ein reflektiertes Denken. Der Zweifel an der Antwort und somit am Sinn verdeutlicht, dass kein sinnstiftender Arbeitstag gegeben ist.
Feinjustierung ist gefragt – manchmal sogar auf grobe Weise. Solange die Frage im Raum steht, hat man den Sinn nicht empfunden und sich nicht gänzlich von der Existenzsicherungsidee gelöst.
Dann suchen sich Fragende ausgleichende Interessen, um Sinn und Existenz zu vereinen. Doch ein sinnentleertes Tätigkeitsfeld – täglich 8 Stunden bedient – ist und bleibt Verrat an der eigenen Vogelperspektive.
Wie viel Sinn die Arbeit braucht
Ich schätze, die Arbeit braucht den Sinn ebenso wie der Sinn die Arbeit braucht.
Unsere menschliche Denkweise ist auf permanenten Wandel ausgerichtet. Dies liegt sicherlich an unserer evolutionären Entwicklung und der Fähigkeit zur kontinuierlichen Anpassung an sich regelmäßig wechselnde Verhältnisse im Leben.
Eines ist und bleibt uns beständig erhalten: die Frage nach unserem Sinn. Wir können sie mit echter Sinnsuche beantworten, dann fügt sich das Bild von Existenzsicherung und Sinnhaftigkeit automatisch zusammen.
Oder wir beantworten die Frage nach dem Sinn im Tun mit einem Schein-Sinn. Dann brauchen wir hiervon – sei es Geld, Anerkennung oder Aufmerksamkeit – stets mehr, um die Existenz zu sichern.
Das Maß des Sinnes in der Arbeit legt das persönliche Wohlbefinden fest.
Nach meinem Verständnis ist dies die bestimmende Komponente für die Beantwortung der Frage, ob unsere Arbeit für uns von Sinn oder Existenz durchzogen ist.
Treten beide harmonisch in Erscheinung, leben wir sicher in der sinnstiftenden Arbeit.
Unglückliche Arbeitende tragen sich hingegen mit Schwere durch das Leben. Von der Schwere führt der Weg ohne Wandel in das Leid und vom Leid in Ermattung, von Ermattung in Unfähigkeit für sich gewinnbringend zu handeln, von der Unfähigkeit zum Verlust der Existenz und von hier aus haben wir nur noch eine Chance und eine Option: Die Kraft reicht nur noch für das Wesentliche aus und dieses Wesentliche ist durch den Sinn bestimmt.
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