Freude ist der Enthusiasmus der Zufriedenheit. Erfolge verstehen sich als Befriedigung der Hoffnung. Beide – Freude wie Erfolg – sind von kurzer Dauer. Vielleicht ist eben diese kurze Zeit im Extrem so attraktiv, dass wir uns nach ihrer dauerhaften Präsenz sehnen. Doch nicht jeder Mensch verbindet damit ein Sehnen. Manchen bereiten Freude und Erfolg ein ganz eigenes Empfinden: das Gefühl der Schuld. Sie schämen sich für ihre Fähigkeiten und Errungenschaften. Dieser Artikel liefert einen Einblick in ein außergewöhnlich gewöhnliches Thema.
Das Verstecken des persönlichen Glücks
Ein Versteck bietet Schutz vor Sichtbarkeit. Schutz vor Gefahren, Schutz vor dem Eindruck, entkleidet und machtlos zu sein. Schutz vor Echtheit und Falschheit. Gleichermaßen dient es der Freude als Schutzraum, dem Glück, dem Erfolg, der Hoffnung, dem Glauben. Fast möchte man behaupten, ein Versteck sei allem willkommen. Weshalb aber verstecken, was innere Fülle bedeutet?
Dieser Frage widmen sich Betroffene kaum. Sie üben sich in Unterdrückung des Missstandes, indem sie darüber hinwegsehen, sich übergehen und dazu übergehen, das persönliche Glück weiterhin im Käfig zu halten. So kommt es nicht von ungefähr, dass erfolgreiche Menschen sich selten der Prahlerei bedienen. Im Gegenteil: Werden sie zum Interview geladen und für ihre Erfolge bestaunt, wird ihre Sprache auffallend unauffällig. Gleiches ist bei Professoren, bei Alltagshelden, bei Sportlern und anderen inspirierenden Personen zu beobachten.
Leiser Atem, sanfter Hauch.
Kaum kraftvolles Sprechen.
Abweichen. Ausweichen. Herunterspielen.
Keine Freude über Freude, Glück und Erfolge zum Ausdruck bringen.
Schweigende Szenen als Ausdruck eines unangenehmen Empfindens. Offenbar lebt das Glück im Druck des Käfigs recht komfortabel. Natürlich, denn ansonsten würde man das Glück befreien, es gedeihen lassen, in die Welt hinausrufen und der Menschheit vom persönlichen Ringen und von den Siegen erzählen.
Oder etwa doch nicht?
Weshalb bleibt das Glück hinter sich selbst zurück und wird sich zum Opfer?
Vom Mantel der Schuld umhüllt, obgleich sich Glück und Freude nicht schuldig machten. Oder etwa doch? Warum wird Erfolg leise und übergibt der Schuld selbst den Erfolg? Bereitwillig.
Sind Freude und Erfolge Taten, die Schuld rechtfertigen?
Vor dem Empfinden einer Schuld geschah einst eine Tat. So lehrt es uns das Leben und mit ihm die Moral. Etwas, das nicht zu Schaden führte, wird Schuld nicht zur Folgeerscheinung machen.
Darauf aufbauend wirkt die Schuld nach Freude und Erfolgen auf den ersten Blick gegenstandslos. Vielleicht ist sie lediglich Zeichen dessen, dass sich jemand zu profilieren versucht. Etwa, wenn dieser Jemand die Schuldfrage aufgrund des Wunsches nach mehr Anerkennung ins Zentrum rückt. Es wäre an dem, so Menschen die Erfolgsschuld nicht zu verbergen, sondern nach außen zu kommunizieren versuchten.
Doch diese interessante Personengruppe verheimlicht ihr Schuldempfinden recht konsequent. Dabei stellt sie stets ihre eigene Kreativität unter Beweis. Der Idealfall macht ihre Freude, ihre Erfolge, ihr persönliches Glück für andere Menschen unsichtbar.
Eingesperrt im inneren Käfig wirkt das Erreichte tatsächlich wie eine zu verschweigende Tat. Und eine Tat rechtfertigt Schuld.
Die verbleibende Frage ist wohl jene, weshalb Freude, Glück und Erfolge als Taten gelten können. Oder waren sie gar selbst der Täter, die den Freudigen zum Opfer werden ließen?
Wohl zeigt sich hier die Wechselwirkung zwischen Tat, Täter und Opfer. In einem Augenblick ist eines nur das EINE. Im nächsten ist es das ANDERE. In einem weiteren das DRITTE.
Um die Rechtfertigung der Schuld als Konsequenz der Freude und Erfolge zu klären, entfernte ich mich für einen Moment von der Opfer-Täter-Tat-Frage. Ich fragte mich plötzlich, wem gegenüber an der Freude Schuldige überhaupt ein Schuldempfinden haben. Die Antwort zeigt auf, ob man sich im Wesentlichen als Täter oder Opfer definiert.
An der Freude Schuldige glauben, sich an anderen Menschen schuldig zu machen. Etwa dafür, dass sie Glück erlebten, welches Mitmenschen nicht erfuhren.
Oder für Erfolge, die den eigenen Eltern trotz unermüdlichen Einsatzes verwehrt blieben.
Oder dafür, dass sie eine Familie gründeten und der Bruder trotz Sehnsucht nach familiärem Miteinander sein Dasein in Einsamkeit fristet.
In der Konsequenz verbergen sie die Freude über das Glück, welches andere nicht genießen konnten.
Sie sind heldenhafte Empathen, die nicht um Aufmerksamkeit buhlen. Sie machen sich insofern hierdurch nicht an Mitmenschen schuldig, da sie grenzenlos Liebende sind und den Schmerz ihrer Mitwesen nachvollziehen können.
Wohl aber an sich selbst, da sie ihr eigenes Leben mit Verrat bestrafen. Einen Deal, den sie aufgrund ihres Mitgefühls einzugehen bereit sind. Und ein Deal, der auf der Seite ehrlicher Begleiter, Familienmitglieder und Freunde spätestens bei Veröffentlichung auch bei Mitmenschen Leid verursacht. Anders als gedacht und dennoch Leid.
Die Gefangenschaft der gnadenlosen Loyalität
Die Welt, in die du hineingeboren wurdest, wird ewig die deine sein. Anders gesagt: Der Beginn deines Lebens prägt deine Entwicklung, wirkt sich auf das Heute und das Morgen aus. Viele empfinden ihre Kindheit in der familiären Geborgenheit in der Zeit des Erwachsenenalters als Trost in schweren Zeiten. Eine einmalige Gemeinschaft, eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit. Jene, einfach ICH sein zu dürfen. Diese Selbstverständlichkeit beantworten Kinder damit, dass sie den Zielen der Eltern nacheifern, Stolz in ihren Augen blitzen sehen wollen.
Im Zuge der späteren Entwicklung fühlen sich Erfolge nach Verrat an. Das betrifft vorzugsweise jene, die im Kontrast zum erlebten Elternhaus stehen. Waren die Eltern von Armut bedroht und Kinder verzeichnen berufliche Erfolge, schleicht sich das Empfinden eines Verrates ein. Das Gefühl der Nichtwertschätzung früher Jahre und das Gefühl, den Familienkreis zu verlassen, etwas zurückzulassen. Etwas, das ewig dein sein wird: die Welt, in die du hineingeboren wurdest.
Schmerzliche Gedanken.
Quälender Verlust.
Schuldgefühle.
Dabei wünschen sich liebende Eltern alles für ihr Kind. Kompromisslos. Echt. Vielleicht vergießen sie innerlich Tränen, bedauern eigenes Leid, ausbleibende Erfolge im eigenen Leben. Eltern sind ebenso Menschen mit Empfindungen, keinen Göttern gleich und mit Erfahrungen bestückt. Schönen und weniger angenehmen.
Aus dem Kern des Herzens ihrer Liebe wird jedoch niemals der Vorwurf über ein eigenes ungelebtes Ideal entspringen. Loyalität ist nicht von Einseitigkeit gekennzeichnet. Sie braucht die wechselseitigen Beziehungen innerhalb der Gruppe oder des familiären Gefüges, um wirken zu können.
Eines ist unbedingt zu bedenken: Wenn Kinder Schuld für ihre Erfolge gegenüber ihren Eltern empfinden, wie stark muss dann das Schuldempfinden der Eltern ohne gelebtes Ideal gegenüber ihren Kindern sein? Ist nicht das allein Grund, die eigene Loyalität zu hinterfragen und neu zu interpretieren?
Wenn Chancen zu Verboten führen
Die Schuld als Folge von Erfolgen und Glück ist ein eher selten angesprochenes Thema. Das macht sie umso bedeutender für Menschen in einer Leistungsgesellschaft. In einer Zeit, in der Erfolge und Selbstverwirklichung zentrale Themen sind.
Frühere Generationen waren mit anderen Dingen konfrontiert, mit enormen Missständen, Kriegen, Nachkriegszeiten, der innerdeutschen Teilung, Zerrissenheit und und und.
Kinder und junge Erwachsene erfuhren davon und solidarisieren sich mit der Geschichte ihrer Eltern. Sich nun frei in einer Zeit bewegen und leben zu können, ja sogar Träume auszuleben und Grenzenlosigkeit zu erfahren, kann gegenüber Eltern und anderen Menschen ein starkes Schuldempfinden erzeugen.
Nicht selten betrachten sie Chancen und Möglichkeiten als unsichtbare Grenzen. Sie überschreiten sie nicht nur nicht. Sie versehen sie mit einem kategorischen Verbot, um sich dem Thema Schuld nicht aussetzen zu müssen.
So geschieht es, dass ein Kind aus einer Arbeiterfamilie früher kein Studium wählte, obgleich die Liebe zum Denken und Erforschen niemals in Gänze verschwand. Sicherlich gibt es hierfür zahlreiche Beispiele. Wenn du diesen Artikel liest, so wage ich zu ahnen, fallen dir derartige ein.
Die Frage ist, ob die moralische Grenzziehung eine wohltuende Wahl ist. Sich an den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten zugunsten eines anderen schuldig zu machen, wird in den ersten Monaten bis Jahren zu verschmerzen sein.
Mit dem Alter kommt die Sehnsucht über verlorene Zeiten, nicht gemachte Erfahrungen, ein ungelebtes Leben.
Die Schuld, der man sich durch frühe Verbote nicht auslieferte, bringt das innere Konstrukt voller ungelebter Augenblicke zum Einsturz.
Nicht sofort.
Unmerklich.
Über Jahrzehnte hinweg.
Es raubt sanft die Kraft.
Das wirkliche Sehnen verschafft sich immer Gehör…eines Tages. Hören wir es bereits jetzt, ist das Verbot keine Option.
Scheitern als Wiedergutmachung der empfundenen Schuld
Konsequentes Schuldempfinden aufgrund von Erfolgen und Glück liegt wie eine schwere Last auf der Brust.
Nachts wachen Menschen auf, sinnieren, leiden, tragen sich mit quälenden Gedanken durch die Dunkelheit. Die Schatten des Tages bedrücken den lahmen Geist. Lähmende Stunden. Am Tag längst verdrängt. Nachts wiederholtes Schauspiel der Emotionen.
Schuld verhält sich parasitär. Wo sie zu Gast ist, weiß sie zu nehmen. Im Gegenzug ‚beschenkt‘ sie mit einem bedrückenden Kribbeln, das sich im gesamten Körper ausbreitet. Spätestens in diesem Zustand weiß man sie nur durch Scheitern zu besänftigen.
In der Tat wählen von Erfolgsschuld geplagte Menschen häufig den Weg des bewussten Scheiterns, um der Schuld durch Erfolg und Glück zu entrinnen.
Nicht milder wirkt jedoch die Schuld am Verrat eigenen Seelenheils durch ausbleibendes Glück. Einer Ent-Schuldigung nähert sich der Mensch somit nicht.
Im Gegenteil.
Schuld will nicht beschwichtigt werden.
Darum geht es nicht, wohl aber um eine bewusste Auseinandersetzung mit Scham und Schuld. Eine sich meist erst spät zeigende Erkenntnis.
Das eigene Siegen als Eindruck beständiger Ungerechtigkeit
Das Thema Schuld weist viele Überschneidungen mit Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit auf.
Habe ich als Mensch viel Glück erfahren, wohingegen meine Mitmenschen mit permanenten Herausforderungen konfrontiert sind, berührt dies mein Gerechtigkeitsempfinden.
Es ähnelt der Geschichte eines in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsenen jungen Erwachsenen, der plötzlich im Glücksspiel gewann und dadurch in ein inneres Dilemma gerät. Der glückliche Zufall beschert ihm zu anfangs ruhige Nächte, die später schlaflos werden. Ein schlechtes Gewissen schleicht sich ein, deren Basis Schuldgefühle sind.
„Weshalb sollte ich besser sein als andere? Warum hat mich das Schicksal begünstigt und nicht Menschen, die es nötiger hätten?“
Empathische Menschen gehen durch jene Gedanken vom unausgesprochenen Unverständnis gegenüber Ungerechtigkeit dazu über, sich aufgrund ihres zufälligen Glücks als ungerechtes Wesen wahrzunehmen. Das hinterlässt letztendlich Schuld.
Dabei stellt sich die Frage, ob ihre Welt – in Anbetracht dessen, dass sie sie als ungerecht empfinden – gerechter wäre, wenn alle Menschen im Elend leben würden und keiner die Chance auf ein Entweichen hätte.
Das Problem sehe ich in der Perspektive. Eigenes Glück und Siegen führen nur dann zum Eindruck beständiger Ungerechtigkeit im Außen, wenn wir die Thematik von innen und nicht aus einer objektiven Beobachterperspektive betrachten. Ein Beobachter würde nämlich die Frage stellen, wie sich das Glück der Mitmenschen auf den von Schuld Geplagten auswirken würde. Würden sie etwa im Glücksspiel gewinnen, wäre seine Interpretation des Zufalls nicht im Ansatz mit Schuld verbunden. Wohl eher würde er sich für einen geliebten Mitmenschen freuen – oder aber mit Neid reagieren, sofern ihn dieses Thema beschäftigt. Aber Schuld wäre keine Idee.
Der Raub der kindlichen Freude am Erfolg
Auf dem Weg zur Ursachenforschung für Erfolgs- und Glücksschuld gelangt man unweigerlich zur Kindheit zurück. Dort ebneten Glaubenssätze den Weg. Manch einer dieser Sätze mag befruchtend gewirkt haben und ein Leben lang als Bereicherung gelten. Andere hingegen schränken ein. Kinder erfahren meist früh – vor allem im Kontext mehrerer Geschwisterkinder – von der Schuld nach Erfolgen. So halten Eltern ältere Kinder dazu an, jüngere auch siegen zu lassen oder ihre Freude nach einem Sieg im Spiel etwas zu drosseln.
Daraus ziehen Kinder interessante Schlüsse. Etwa jenen, Erfolg sei ein Zeichen von Arroganz. Und Stolz sei ein unangenehmer Wesenszug. Solche Gedanken begünstigen einen mit starker Schuld behafteten Lebensweg – zumindest, wenn es um Glück oder Erfolge geht.
Die Medaille frühkindlicher Freude über Erfolg hat für Heranwachsende eine weitere Kehrseite. Sie sind mit Neid, Missgunst und weinenden Gleichaltrigen konfrontiert. Das erzeugt innerlich wie äußerlich Distanz, Ablehnung und führt gerade bei Kindern gerne zu Misserfolgen. Kein Kind möchte schließlich ein Außenseiter werden. Und Erfolge sind in der frühen Phase des Menschenlebens weitaus weniger bedeutsam als im Erwachsenenleben. In den ersten Lebensjahren steht der soziale Austausch und damit die eigene Gruppe ganz oben.
Ich selbst war in den ersten Jahren eine mittelmäßige Schülerin. Erst spät entwickelte ich Interessen an schulischen Themen. Zu sehr zogen mich bereits damals Sport, Schreiben und Anatomie in ihren Bann. Als ich in der Schuldendphase Klassenbeste wurde, fürchtete ich mich enorm vor Ausgrenzung und nahm mich und meine Fähigkeiten zurück. Nähe durch Selbstverzicht wird jedoch nicht gelingen.
Erst spät – mit etwa 25 Jahren – nahm ich in Nürnberg an einem Intelligenztest bei Mensa e.V. teil, der mir die Hochbegabung bestätigte. Seither weiß ich, wie wichtig es ist, Kinder in ihrer Vielfalt zu fördern und genau hinzusehen. Schuld an der eigenen Fähigkeit ist eine schwere Bürde. Sie Kindern aufzuerlegen, betrachte ich als unverantwortlich. Denn die Folgen können schwerwiegend sein.
Ständiger Neid auf das eigene Ich
Eine wesentliche Folge ergibt sich aus dem ungelebten Leben selbst: Neid auf nicht gemachte Erfahrungen, nicht begangene Wege, fehlende Authentizität. Wir sind neidisch auf den Menschen, der wir im Kern sind und den wir uns verbieten. Es ist die mit Abstand außergewöhnlichste Form von Neid.
Eigentlich braucht Neid ein Gegenüber. Eine Person, auf die wir neidisch sind. In dieser Situation richtet sich der Neid gegen uns selbst. Er erzählt eine Geschichte vom ungelebten Erfolg, unangesehen Glück, von Unvollkommenheit und vom Eindruck, nicht vollständig zu sein.
Im späteren Verlauf tritt ein limitierender Faktor hinzu: fehlende Zeit, die noch bleibt, um auf anderen Pfade zur eigenen Erfüllung zu gelangen. Vermehrt drängt sich die Frage danach auf, was das Leben ist oder hätte sein können. Der Verlustschmerz über weggeworfene Chancen im Angesicht der Realität gipfelt in Selbstspaltung.
Kaum etwas gräbt seine Wurzeln so tief in das Seelenkostüm wie ein aufkommender Kontrast zwischen dem realen Ich und dem gewünschten Ich.
Stimmt unsere innere Wirklichkeit mit der äußeren nicht überein, fühlen wir uns zerrissen. Eine Zerrissenheit mit Folgen. Selbstabneigung, Ablehnung, Selbsthass, sozialer Rückzug können bei ausbleibender Erkenntnis über den Hintergrund dieser Empfindungen bis zur Verbitterung führen.
Selbstentfremdung als Ausdruck fortwährender Selbstdistanz
Hinter den Entwicklungen zwischen Schuldgefühlen aufgrund von potenziellen oder erlebten Erfolgen, Verboten positiver Erlebnisse und der Verbitterung vergehen viele Jahre. So viele Jahre, dass der einstige Ursprung – Schuld nach Erfolgen – längst in Vergessenheit geriet. Was geblieben ist, ist der Versuch, positive Entwicklungen zu umgehen oder das Seelenheil an neuer Stelle zu finden.
Doch es mag nicht gelingen, weil sich das Leben dem Betrugsversuch entzieht. Im späteren Erwachsenenalter keimt lediglich der Eindruck eines verfälschten Lebens auf. Was jedoch ‚falsch‘ ist, wissen Schuldgeplagte selten zu benennen. Die Wurzeln der Schuld sitzen zu tief, um heranreichen zu können.
Sie fühlen sich von sich entfremdet. Über dieses Empfinden schrieb ich in meinem Buch ‚Entfremdung vom authentischen Ich – Was uns von uns selbst entfernt‚. Es entsteht ein tiefer Bruch. Einen, den Menschen auch durch Bemühung nicht übersehen können. Zu intensiv und zu vielseitig greift die Selbstentfremdung in das Leben des Menschen ein.
„Nichts fühlt sich mehr nach mir an.“, ist dann zu hören.
Oder: „Ich weiß nicht, was richtig für mich ist, was meiner Seele, meinem Körper wohlig ist und was eher nicht.“
Wenn sich Gewissensbisse gegenüber Mitmenschen zu Selbstschuld formt
Alles beginnt früh mit einem Schuldgefühl aufgrund eines geglaubten Verrats an der Herkunft, der Familie, der eigenen Geschichte. Um diese elementare und existenzielle Krise ertragen zu können, beantworten wir die Schuld am Erfolg gegenüber anderen mit Scheitern, mit Verboten, mit ungenutzten Chancen im Leben. Hinter dem Schleier des Selbstbetrugs wächst die Selbstdistanz.
Die Selbstdistanz ist wohl die übelste Form einer Verbindung, die wir zu uns selbst haben können. Sie schließt Selbstmissachtung, Selbstablehnung und gekünstelte Selbstlosigkeit ein.
Am Anfang mag das Lügenkonstrukt vor unserem eigenen Richter nicht auffliegen.
Allerdings sind wir nun zu einem Leben gezwungen, das sich nicht mit unseren eigentlichen Vorstellungen deckt. Dieses Leben kostet sehr viel Energie. Wenn jemand trotz des Wunsches nicht zu studieren begann (aus Loyalität zu seiner Familie und Herkunft), wird ihn ein alternativer Lebensweg vermutlich nicht so sehr erfreuen. In der Konsequenz braucht er viel Energie, um den synthetischen Lebenslauf weiter ausführen zu können.
Eines Tages wird die Kraft merklich rar. Der Geist ermüdet. Der längst nicht mehr jugendliche Körper zeigt erste Grenzen des Selbstmissbrauches.
Wer weiterhin beharrlich am Kurs der Selbstentfremdung festhält, steuert auf stürmische See zu. Noch mehr Energieverlust, noch mehr Einbußen im Alltag, noch weniger von diesem überall gelobten Ich.
Reicht die Energie nicht mehr aus, beginnen Menschen zu reflektieren. Es entsteht eine Form der Selbstschuld, aus der Schuld an anderen Wesen hervorgegangen.
Schuld, sich nicht gelebt zu haben.
Schuld, sich nicht entdeckt zu haben.
Schuld, nicht gewesen zu sein.
Schuld, die Leere hinterlässt und die Frage erzeugt, wer wir eigentlich sind und was wir sein werden. Unser Zugang zu uns, zu tatsächlich freudvollen und erfolgreichen Momenten ist nicht nur physisch versperrt.
Freude und Erfolg lösen nichts mehr in uns aus. Darüber bleibt der Mensch verwundert zurück. Und das, obgleich er sich die positiven Empfindungen im Zuge von Freude und Erfolg selbst versagte.
In meinem Artikel ‚Inwiefern gilt ein atypischer Lebenslauf als Makel statt als individuelle Entwicklung?‚ widme ich mich dem Thema Schuld aus anderer Perspektive. Wenn dich Schuldfragen interessieren, erfährst du darin mehr.
Der Weg aus Schuld, Verboten und Selbstneid
Aus dem Zentrum der Krise ragt die Chance der Freude empor. Umgeben von einer durchsichtigen Wand, die wir tatsächlich auch im höheren Alter durchbrechen können. Die dafür benötigte Kraft liefert unser Mut zur Authentizität.
Eine andere Chance haben wir nicht. Außer, wir verfolgen die Idee, im Schwebezustand eines ungelebten Ichs zu verbleiben. Dann sind womöglich weitere Krisen aufgrund beharrlicher Selbstverleugnung vorprogrammiert. Der Mensch mag viel verzeihen. Seine Toleranz endet dort, wo Verrat am eigenen Wesen Einzug hält.
Selbstneid aufgrund eines unbegangenen Weges weicht, sobald wir Träume zu leben beginnen.
Angst und Schuld ziehen von dannen, sowie wir den Mut aufbringen und ihn ins Handeln für das eigene Wohlbefinden integrieren können.
Verbote werden durch Erlaubnis der Freude und Erfolge überflüssig.
Selbstentfremdung löst sich durch Selbstbewusstsein in eine gähnende Leere auf.
Wir könnten den Eindruck gewinnen, unsere Herkunft verraten zu haben. Wir könnten Neid durch unsere Mitmenschen erfahren, Missgunst erleben, schmerzende Kontaktabbrüche bemerken.
Wir könnten Menschen verlieren, die sich mit dem neuen Lebensmodell nicht abfinden können.
Doch sind dies die Menschen, die es wert sind, dass wir uns selbst verraten, uns das Leben verbieten? Waren es diese Menschen, die ein Verbot rechtfertigten oder war es am Ende nur der illusorische Glaube an unendliche und gegenseitige Loyalität?
Manche werden schweigen. Ihre Stimme und Präsenz verlieren sich in unserem Leben. Andere werden laut, doch auch sie können mit Gegenwehr unsere Freude und den Erfolg nicht abwenden.
Viele werden bleiben, werden sich freuen und ebenso Entlastung empfinden. Es sind jene Menschen, für die sich der Einsatz gelohnt hätte, da sie wirklich zu uns stehen. Und es sind jene, die Kraft ihrer Liebe ein solches Opfer von uns nie verlangt hätten.
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