Menschen befinden sich stets in einem Konflikt zwischen der Anpassung an äußere Erwartungen und der Sehnsucht nach einem authentischen Leben. Einen inneren Bruch begünstigt dies, sobald die Anpassung das Leben in seiner Fülle schmälert. Dann ist jeder Augenblick ohne Wirkung. Was also geschieht, wenn sich ein Mensch – vom Anpassungsdruck getrieben – gänzlich von sich entfremdet? Und was, wenn er wieder zu leben beginnt? Ein Artikel über die lautesten leisen Veränderungen im Menschenleben.
Unser größter Schatz im Leben
In jedem Menschen schillern die Farben der Einzigartigkeit, gekleidet in eine besondere Hülle, die dem Charakter sein Antlitz verleiht.
Ja, in jedem Menschen lebt ein Wunder.
Es zu sehen, verlangt nach Liebe. Ist doch sie die Basis des Interesses. Und wenn man genau hinsieht, so könnte man jedem Menschen mit Verliebtheit begegnen. Denn in jedem Menschen ist ein großer und ebenso einmaliger Schatz verborgen – in jedem Augenblick. Aber nur Menschen, die ihn zu sehen wagen, werden sich an seinem Glanz erfreuen.
Ein Schatz der Unendlichkeit.
Im Licht der Liebe befreit.
Was ist er, wenn er nicht leuchten darf?
Was ist er, wenn er sich dem Anpassungsdruck der Gesellschaft beugt und seinen Glanz verdeckt?
Was ist er, wenn er dadurch matt und unecht wird?
In wen könnten wir uns dann verlieben, wenn die Menschen sich gegen ihren inneren Schatz und für die permanente Anpassung an äußere Erwartungen entscheiden?
Was bist du noch und was bin ich? Im Zeichen der allgegenwärtigen Anpassung?
Sind wir nicht alle gleich, so wir uns in Gänze der Anpassung beugen und unser wahres Ich verleugnen?
Was macht dich mir besonders?
Wie könntest du Liebe in mir finden?
Wie könntest du sie in dir finden?
Liebtest du das Unechte, räumtest du ihm den höchsten Rang ein oder aber dem Echten?
Wohin geht die Einzigartigkeit als größter Schatz im Leben, wenn das Beben der Zeit uns zur Gleichmacherei verpflichtet?
Die Folgen des Verrats am eigenen Leben
Ich sehe vermehrt Menschen, die wie es bei mir gewesen ist, den Zugang zu sich selbst verloren haben. Zu früh der Chance auf das eigene Glück beraubt.
Zeit wurde zu Staub.
Im ewigen Dickicht unserer Zeit.
Hängende Lider, traurige Gestalten, überall herrschen Klagen über zu viel Arbeit, zu wenig Zeit, zu wenig Geld, kaum Wertschätzung und das ständige Gefühl, nicht frei reden zu können – unter dem Druck der Anpassung.
Schweigen über inneres Sehnen.
Wegdrücken.
Verdrängen, was nicht gelebt werden darf. Scharf beschnitten, das Leben ist uns entglitten.
Wir leiden häufig kollektiv und doch in Einsamkeit. Aufgrund fehlender Echtzeit. Und wir ordnen uns dem Anpassungsdruck weiter unter – etwa, um zu gefallen, um Teil unseres sozialen Gefüges zu bleiben, um Positionen zu halten, zu glänzen, inneren Mangel auszugleichen.
Aus Angst davor, ausgestoßen zu werden und das Dasein in Einsamkeit zu fristen. Eine Einsamkeit, die wir bereits jetzt empfinden. Dass sich kaum jemand zu seinen wahren Wünschen bekennt und ihnen folgt, betrachte ich als Konsequenz einer ohnehin dauerhaften Einsamkeit im gesamtgesellschaftlichen Kontext. Wir fürchten etwas, das bereits ist. Hier sind alle zusammen, doch jeder ist für sich allein.
Allein mit seinen Ideen, Gedanken, Zielen. Oft als illusorische Kindheitsträume abgetan und dennoch nicht vergessen. Anpassung ohne Grenzen zwingt uns als Erwachsene in Vernunft zu leben, zu funktionieren, zu liefern. Und es zwingt uns, uns vollständig von uns selbst abzukoppeln.
Das Ergebnis sind große Menschen, die jedoch nicht herangereift sind, die mit hängenden Lidern und Mundwinkeln die Straßen mit Leere füllen.
Erwachsen zu sein, meint, zu sich zu stehen, sich zu lieben, zu achten, die eigenen Fähigkeiten nicht in Verrat zu bringen – aus Angst davor, aus einer Gesellschaft und Welt ausgestoßen zu werden, die sich selbst längst um die eigene Wahrheit betrogen hat.
Eine Gesamtgesellschaft lebt überwiegend in innerer Abgeschiedenheit. Suchend, die eigene Wahrheit für einen Hauch von Zeit aufrechtzuerhalten – etwa auf Reisen, etwa innerhalb von Workshops, etwa während eines Abenteuers in der ansonsten so mageren Zeit.
Andere erinnern sich nicht einmal daran, wer sie gewesen sind und fragen lediglich nach der Ursache für ihre innere Freudlosigkeit, ihre fehlende Energie, den ausbleibenden inneren Applaus.
Was bleibt, wenn nichts mehr echt ist?
Oft eine Menschenmenge ohne eigene Richtung, ohne eigene Ziele, ohne Freude, ohne Energie. Wie kann sich ein einzelnes Wesen darin zu Hause fühlen? Wie einer, der doch den Mut für die eigene Einzigartigkeit aufbrachte und vom Feuer der Massenanpassung geradezu erstickt wird?
Wie ergeht es den Kindern, die täglich in die Gesichter einer leeren Zukunft blicken, in der die Mattheit über den Glanz siegte?
Kinder haben Träume. Nehmen wir sie ihnen weg, weil wir selbst keine Träume leben durften, vergehen wir uns an der Menschlichkeit. Und wenn Kinder ihre Träume verlieren, hat das Zeitalter des Menschen sein letztes Kapitel aufgeschlagen. Keine schönen Geschichten sind mehr da, keine Lieder bereiten Freude, keine Kultur wächst mehr heran. Weil die Grundlagen aller Kultur unsere Kinder sind, deren Einmaligkeit nicht in den Trümmern der jetzigen Zeit zum Erliegen kommen darf.
Das Gewicht der inneren und äußeren Anpassung
Vielen ist ihr Handeln nicht bewusst. Ebenso wenig nehmen sie Kenntnis vom täglichen Verrat am eigenen Wesen.
Sie sind derart in den Klauen der Anpassung, dass sie eben jene Klauen mit Geborgenheit verwechseln. Getreu dem Motto: „Wer sich anpasst, lebt sicher.“ Eine Sicherheit, die so nicht existiert und den Griff der Klauen stets beengender werden lässt.
Die Aufrechterhaltung der eigenen Geißelung stellt der Mensch dennoch nicht in Frage. Im Gegenteil. In der Konsumjagd des Zeitalters permanenter Verfügbarkeit aller Dinge hängt der Zugang zum Glück offenbar vom verfügbaren Einkommen ab. Dies zwingt zur Anpassung, denn ohne Geld ist eine Teilhabe ein vorgetäuschter Glaube einer hoffnungsbeladenen Seele.
Geld nahm und nimmt ohnehin einen besonderen Stellenwert in der Zeit des Menschen ein. Fast möchte ich das Geld als Tumor der Gesellschaft bezeichnen, die eigentlich voller Vitalität sein könnte. Alles dreht sich darum, scheint davon abzuhängen und alles, was damit in Verbindung steht, ermüdet.
Geld zu erhalten, um Träume zu verwirklichen, bleibt vielen trotz lebenslanger Bemühung lediglich Wunschgedanke. Leider begreifen viele erst mit der Rente, dass sich die Zeit der Ausbeutung nicht gelohnt hat und nun ein Leben mit begrenzten Möglichkeiten wartet. Was bleibt einem noch, wenn der Preis der Anpassung ausbleibt?
Scheinbar sind auch hohe Zeugnisse und Zertifikate am Ende gegenstandslos. Und nicht jede Leistung – möge sie noch so üppig in ihrer Gestaltung gewesen sein – bringt selbst bei guten Positionen eine entsprechende Rente ein.
Gleiches trifft auf unermüdlichen Einsatz für ein Unternehmen zu, das einen letztendlich bereitwillig gehen lässt. Der Wert eines Menschen scheint in der Gesellschaft stärker vom Maß der Anpassungsfähigkeit abzuhängen als vom Grad seiner Individualität.
Weiterhin hat er sich der ihm zugetanen Rolle zu beugen. Poröse Strukturen alter Zeiten schaffen es auf verblüffende Weise, selbst im Zeitalter der Moderne, den Kern alter Vorurteile in die Gegenwart zu transportieren.
So sieht sich die Abenteurerin zu einem von Unfreiheit getragenen und somit stark strukturierten Leben verpflichtet.
Ein Künstler weiß sich nicht auszuleben, weil seine Kunst den Ruf der Brotlosigkeit in sich trägt. Eine Frau mit Begeisterung für Technik erhält noch immer selten die Chance, sich in diesem Bereich niederzulassen und ebenso kann man diese Stereotype auf Männer übertragen.
Sogar die Optik wird von der Anpassung beeinflusst. Modisch ist, was jeder trägt. Gleichmacherei gelangt vom Innen ins Außen. Jeder will seine Individualität fördern, doch bleibt er am Ende doch nur ein Abbild von Industrie, Konsum und Handel. Auch die Berufswahl selbst unterliegt dem Druck der Anpassung. Will man doch im stillen Konkurrenzkampf gut abschneiden, das Beste ausgesucht haben und sich eines Tages auf dem Ruhm früher Tage zur Ruhe setzen.
Selbst bei Geschenken greifen Menschen auf Massenware zurück. Der Verantwortung für uns selbst beraubt, um den Mut gebracht, um die Selbstverantwortung herumgekommen, bemühen wir uns kollektiv kaum noch um unsere Mitmenschen. Ihnen eine Freude machen zu wollen, beginnt nicht etwa mit einer reiflichen Überlegung – wohl aber mit einem raschen Kauf eines massenhaft verfügbaren Produkts. So hat jeder heute alles und trotzdem bleibt ihm nichts.
Das Gewicht der Anpassung fordert einige Seelen und fördert keinen Zusammenhalt. Es fördert keinen Anschluss, keine echte Teilhabe, es fördert Entscheidungsproblematik, die Selbstentfremdung und die Entfremdung einer gesamten Gesellschaft. Es fördert Empathielosigkeit, weil die Liebe zu einem anderen Menschen im Wesentlichen von der Liebe zum Eigenen abhängt. Wer sich jedoch täglich dem Anpassungszwang unterwirft und sich dabei vergisst, wird keine Liebe für sich aufzubringen imstande sein.
Der Traum von der Entscheidungsübertragung
Menschen sind entscheidungsmüde.
Kein Wunder, ist doch der dauerhafte Zugang zum Digitalen, zu Produkten und zu Kontakten permanent mit Entscheidungen verbunden.
Wäre es nicht einfacher, die Verantwortung und die mit ihr in Zusammenhang stehende Entscheidungsgewalt abgeben zu können?
Hätten wir so nicht mehr Freiheit in den Gedanken? Mehr Zeit? Mehr Ich? Ein anfänglich sympathischer Gedanke, den sich neue Entwicklungen zunutze machen.
Sie nehmen uns ihrerseits viele Entscheidungen und sogar Arbeiten ab. Mittlerweile nutzen zahllose Menschen Apps jeglicher Art, um ihr Leben tatsächlich künstlich zu vereinfachen. Der dadurch erhofften Freiheit nähern sie sich allerdings nicht. Sie entfernen sich sogar von ihrer Freiheit, indem sie Entscheidungen und Verantwortung übertragen – meist an Geräte wie das Smartphone oder den PC.
Was traurig zu bemerken ist: Menschen können es heute oft nicht mehr anders. Viele haben es verlernt, Verantwortung für sich zu übernehmen, zwischen Optionen abzuwägen und sich aufgrund innerer Empfindungen zu entscheiden.
Heute zählt die Vernunft und Vernunft rät selten dazu, sich eigenverantwortlich für außergewöhnliche Themen, Hobbys, Dinge und Interessen zu entscheiden.
Ratio rät zur Anpassung. Weil es sicherer wirkt, dem Trampelpfad der Massen zu folgen. Dass viele falsch liegen können, beweist die frühere Geschichte ebenso wie das aktuelle Tagesgeschehen.
Es gilt zu denken, zu verstehen. Ja. Aber nicht kompromisslos und ohne Einbindung der eigenen Intention, durch das Herz bestimmt, durch das Bauchgefühl geleitet, individuell durch ein Ich gegeben.
Wenn wir statt der Herzenergie die Vernunft zum alleinigen Richtungsweiser verklären, verlieren wir unsere Einzigartigkeit. Bleibt die Vernunft in Gänze aus, wirken Entscheidungen rasch übereilt. Das Leben verlangt nicht nach starken Kontrasten, wohl aber nach der Mitte, einer Kombination aus dem Empfinden und dem Wissen durch Erfahrung.
Das bringt mich zu einem weiteren Punkt. Indem wir Entscheidungen übertragen, können wir eigene Erfahrungen nicht mehr machen. Bedeutsames Wissen wächst dadurch nicht an. Das Herz verlernt zu empfinden. Es bleiben leere Hüllen in einer vakuumierten Zeit zurück.
Der Traum von der Entscheidungsübertragung ist die logische Folge aus der bewussten Unfähigkeit, selbst noch wählen zu können. Ein liebender Mitmensch wird im Falle einer Erkrankung in unserem Sinne entscheiden. Wie aber können Smartphone, fremde Menschen, Industrie und Produkte für unsere Sache eintreten? Wohin ist dann die Individualität entschwunden, wenn wir uns der Technik derart anpassen, dass wir unsere Individualität zugunsten der Entscheidungsfreiheit verschenken?
Wenn Angst vor Echtheit zur bestimmenden Konstante wird
Angst ist ein treibender Faktor, der führenden Kreisen als Instrument zum Selbsterhalt dient.
Aufgrund unserer Naturentfremdung und der enormen Selbstentfremdung sind Menschen auf führende Kreise angewiesen. Schließlich wissen sie kaum noch etwas mit ihrer Zeit anzufangen, wissen sich nicht durch die Natur zu nähren und darin zu existieren.
Damit eben jene Führung nicht ins Wanken gerät, dient Angst als Mittel zum Zweck.
Wer Angst hat, entscheidet de facto anders.
Wer Angst hat, handelt schneller.
Wer Angst hat, fügt sich einem scheinbar Wissenden.
Wer Angst hat, ist aufgrund seiner Angst gelähmt.
Wer Angst hat, gibt Verantwortung ab und wer Angst hat, sucht nach einer schnellen Lösung als Ausweg aus der Angst.
Wir fürchten kaum etwas so stark wie die Echtheit und darin gesehen zu werden. Kaum etwas so sehr wie Naturgewalten, Verlust, Existenz.
Dabei bedroht uns kaum etwas so stark wie die Gewalt des Menschen anstelle der Natur, der Verlust des Wirklichen anstelle des Künstlichen, der Verlust der authentischen Existenz anstelle der Anpassung an die Lebensweise anderer Menschen und der Verlust der Nacktheit anstelle des kostümierten Scheins.
Unsere Angst vor Echtheit mutierte zur bestimmenden Konstante, obgleich sich jeder nach Authentizität sehnt. Sobald die Sehnsucht den Geist umschwirrt, rückt die Vernunft in das Zentrum. Uns zu mahnen, uns mit dem pädagogischen Zeigefinger die Richtung zu weisen. Schnell rücken wir vom zarten Leuchten eigener Träume ab. Bloß keine Zeit verschwenden, sich nicht zu tief in das Gefühl hineinbegeben.
Der Verbleib der Angst ist festgeschrieben. Angst ist Unwissen. Unwissen bezüglich der Frage, welche Auswirkungen Echtheit für uns und unsere Mitmenschen hat. Zu viel Unkenntnis ist da.
Oder weißt du, was um dich und in dir geschehen wird, wenn du dich auszuleben beginnst?
Wie viele Menschen bleiben?
Wie viele gehen?
Wie viel Einkommen du in deinen Taschen trägst oder ob Armut der Preis der Selbstbestimmung ist?
Ich kann es dir nicht sagen, da ich es nicht weiß. Was ich aber weiß: Wer bleibt, ist dir der Echte. Was in dir wächst, wird bald Früchte tragen. Was du in deinen Taschen trägst, ist mehr noch als Geld. Es ist eine Entscheidung für dein Leben mit all der Konsequenz.
Doch wovon wirst du leben?
Ich singe nicht im Kanon der Gleichmacherei, beschritt einen eigenen Weg. Als Schriftstellerin geboren, würde ich mich in völlig fremden Gebieten wie ein Vogel ohne Flügel verhalten.
Was könnte ich dann noch?
Wie sicher wäre mir die Anpassung, wenn ich nicht mehr ich bin?
Wie sicher würde sie mich zur finanziellen Fülle geleiten?
Wäre mir die Armut unter diesem Aspekt nicht gewiss? Ich konnte mich nicht anders entscheiden und ich kann dir sagen, dass ich MEINE Entscheidung niemals bereut habe.
Doch es ist meine Entscheidung und mein Weg muss nicht mit deinem Weg übereinstimmen. Für mich baut die Fülle im Außen auf Fülle im Innen auf. Vor meiner Entscheidung fühlte ich mich innerlich zerrissen, hatte zunehmend körperliche Leiden. Die Nahrungsaufnahme fiel mir schwer, denn mein Körper verweigerte die Sicherheit im Sinne der Anpassung zugunsten der Ich-Werdung.
Ein Augenblick, in dem alles zerbricht
Der Bruch mit der Anpassung ist keine unweigerliche und alle Menschen betreffende Konsequenz der Selbstentmachtung. Zudem gestaltet er sich nicht bei jedem gleich. Die Intensität wird vom Maß der Anpassung und der Frage danach, wie stark wir Anpassung mit einem Zwang verbinden, bestimmt. Überdies kommt es auf den Kontrast zwischen innerer Wirklichkeit und äußerer Realität an. Ein starkes Ungleichgewicht zwischen beiden Seiten der Wirklichkeitsmedaille begünstigt den Augenblick, in dem alles zerbricht.
Ein Augenblick des inneren Aufruhrs, chaotischer Zustände, Strukturlosigkeit. Eine zu starke Anpassung an äußere Gegebenheiten erstickt das Feuer der Leidenschaft. Der Mensch fühlt sich falsch in dieser Welt oder die Welt wirkt falsch. Er kritisiert, hinterfragt, vieles wird mit einem Zweifel belegt, das Künstliche wird innerlich und teils äußerlich bemängelt. Immer wieder ein Kreislauf zwischen Ermattung und Auflehnung, Angst und heldenhaftem Mut. Im Kampf um das Selbst und gleichsam gegen uns selbst. Denn noch hält die Angst über den Verlust, über das Scheitern, über die Existenz, über die Entscheidungspflicht und die Verantwortung das Zepter in der Hand.
Dann wieder in die gebückte Haltung zurück, sich fügen, der Angst mit Demut begegnen. Anpassung, bis sie wiederholt zu weit geht und wir den Kreislauf erneut beginnen. Die Energie droht zu verschwinden, da Kreisläufe für gewöhnlich keine Zieldefinition haben. Sie existieren bei ausreichender Kraft ewig weiter. Eben diese Kraft schwindet uns allerdings allmählich, sodass wir den Kreis an einem bestimmten Punkt verlassen müssen. Vorher wird die Sprache leise, der Mensch wirkt still, nachdenklich, dann und wann demotiviert, niedergeschlagen.
Innere Einkehr.
Eine Ankündigung des bevorstehenden Umschwungs.
Auf einmal fühlt sich der Umschwung nicht mehr wie ein Risiko an. Das wahre Risiko begreifen wir dann in der Aufrechterhaltung der Gefahr ungelebter Identität. Eine Wahl zwischen Anpassung und Selbstbestimmtheit besteht nicht mehr, weil sich die einstige angstgetriebene Unkenntnis mit Weisheit füllt. Weisheit über die Folgen der eigenen Unfähigkeit, sich auf das Herz und die Identität zu besinnen – anstatt im Sinne der Vernunft der Anpassung, den zum Teil irrwitzigen Trampelpfaden der Massen zu folgen.
Ein Moment ohne Fragen. Nur eine einzige Antwort reichte aus: „Sei DU SELBST.“
Unerhörte Rufe der wahren Identität unter Einfluss des Mutes
Nach dieser Antwort aus dem Herzen – nicht aus dem Gehirn – ist plötzlich vieles eindeutig. Der unerhörte Ruf der tatsächlichen Identität wird wahrnehmbarer, weil die Anpassung den gesamten Menschen derart in Mitleidenschaft zog, dass er das Konstrukt der Fälschung nicht mehr aufrechterhalten kann.
Mit der Kompromisslosigkeit aufgrund der Entkräftung durch langen Anpassungszwang stellt sich die Frage nach dem Erhalt der Restenergie. Sie ist erforderlich, um überhaupt etwas wie Mut zur Selbstbestimmung und nicht zum vordefinierten Leben aufbringen zu können.
Mut erhebt die Stimme, wenn Angst verstummt.
Aber das Erhören der wahren Identität und das Erkennen der Verpflichtung, für sich und nicht im Sinne der Anpassung zu handeln, macht noch lange keinen Mut. Mut wächst durch Selbstvertrauen. Selbstvertrauen baut sich durch konsistentes Handeln auf. Konsistenz in dem Sinne, dass wir uns selbst treu sind und für uns eintreten.
Nicht einfach, da wir uns ein Leben lang der Anpassung unterwarfen. Woher weiß ich, welche Werte, Gedanken, Interessen und vor allem welche Wahrheit Zentrum meiner Identität sind, wenn ich mich nie als Mensch erfasste? Ich weiß es nicht. Am Anfang fühle ich es nicht. Aber ich erinnere mich beim Tun daran. Und dann fühle ich es und dann weiß ich es. Und dann tue ich es, weil ich ich bin.
Durch das Handeln im Sinne früher Ideale aus der Kindheit wächst das Selbstvertrauen und mit jenem der Mut heran. Mut ist die Konsequenz aus der Abwesenheit von Angst. Angst ist nicht präsent, wenn wir wissen. Und wir erfahren Wissen durch Handlung. Handlungen zeigen Identitäten auf. Dadurch gelangen wir zu uns selbst zurück. Die Barriere zwischen Hirn und Herz öffnet sich, verbindet beides miteinander und schafft neue Wege.
Erste Schritte durch eine unbekannte Welt
Die ersten Schritte wirken zögerlich. Man weiß nicht so recht, was man von dieser neuen Welt halten soll. Sie präsentiert sich als dunkler Raum in einem inneren Nirgendwo. Die Scherben der eigenen Seele liegen verstreut herum, längst verstaubt, nicht angeschaut. Jetzt ist noch nicht die Zeit dafür. Vorab braucht es das Fühlen, um die stillosen Scherben zu Wundersamem zusammenzufügen. Dafür müssen wir, wie ich zu Anfang schrieb, das Schöne in der Individualität sehen. Nur so bildet sich Verliebtheit heraus. Nur so fasst sich das ewige Band der Liebe zu unserem eigenen Seelenschatz. Die Sicht des Schönen im eigenen Inneren werden wir erneut begreifen, erlernen, den Blick verstehen. Durch Liebe und durch Interesse.
Genaues Hinsehen. Sich Zeit zu nehmen, nimmt der Angst den Rahmen. Statt Furcht erhalten wir Wissen, machen Erfahrungen mit und in uns. Zu Beginn wollen wir sie deuten, doch reicht unser Vermögen noch nicht aus. Wachstum braucht Zeit. Sichtbarkeit ist auf Licht angewiesen, das den dunklen Raum erhellt. Je mehr wir darin sehen, desto vertrauter wird uns das Gesehene. Vertrauen entsteht durch die Schritte zu uns selbst.
Neuer Blick auf das Geld
Selbstliebe und Vertrauen in sich und die Welt sind nicht auf Geld angewiesen. Wanderungen, ein Treffen mit Freunden, ein Gang in die Bücherei, ein Abend mit philosophischen Gesprächen, Stille, Einkehr, einfaches Sinnieren, Sport im Außen, Tanzen, Singen und all die schönen Dinge sind nicht mit Ausgaben verbunden.
Der Mensch braucht das Geld nicht, das Geld braucht den Menschen.
Wir neigen jedoch dazu, das Geld zu verwechseln. Wir verwechseln es mit dem Seelenschatz, den wir uns zugunsten des Geldes nahmen. Und je mehr Geld wir haben, desto größer wird der Seelenschatz, so glauben wir. Wahre Fülle entsteht nicht aus finanziellem Reichtum, weitaus häufiger war finanzielle Armut das Fundament für geistige Reichtümer. Aus ihnen wuchs – ganz ungeplant – das finanzielle Vermögen an. Doch ist geistige Fülle vorhanden, wird das Geld plötzlich gegenstandslos.
Während der ersten Gehversuche in Richtung ICH machen wir uns meist keinen Begriff von der Bedeutung des Geldes als Zeichen der Anpassung und als Stellvertreter für unendliches Glück. Wir verstehen es nicht, beharren auf den Schein des Geldes als geglaubte Wirklichkeit. Darüber hinaus halten wir längere Zeit am frühen Modell der Anpassung fest, sodass Geld tatsächlich von Relevanz bleibt.
Ich möchte nicht behaupten, Geld sei in sich nur ein Räuber. Tatsächlich gestaltet es sich schwierig, hierzulande vollkommen geldfrei zu leben. Ziel kann nicht die Verteufelung des Geldes sein, wohl aber ein veränderter Blick auf Geld und Konsum. Auch das ist Teil der ersten Schritte.
Loslassen und Umgang mit Verlust
Ein weiterer Teil schließt die Frage nach etwaigen Verlusten ein. Wer sich selbst lebt und dabei fernab vom klassischen Lebensalltag der meisten Menschen agiert, riskiert den Verlust von Strukturen, geglaubter Sicherheit, Freundschaften, Partnerschaft, Familienmitgliedern, vielleicht sogar die berufliche Position oder den gesamten Beruf. Ein Punkt, an welchem das gesamte Gerüst innerer Fälschung zusammenbricht, und die Wahrheit offenlegt. Das hinterlässt Schmerzen, Schuldgefühle. Etwas muss weichen, um etwas Neues zu gestalten. Das Unwirkliche ist immer in seiner Daseinszeit beschränkt.
So sich geglaubte Freunde nicht mit unserer Wirklichkeit zu arrangieren wissen, ist der Verlust die einzige Option. Allerdings hat es auch nie einen Gewinn gegeben, denn der Zugewinn der Freundschaft basierte auf einer fundamentalen Lüge. Derartige Freundschaften aufrechtzuerhalten, verfehlt Sinn und Nutzen im eigenen Leben. Eine weitere Anpassung zugunsten des Erhalts jahrelanger Strukturen ist gegenstandslos und ohnehin zerbrechend. Wahre Freunde lieben und schätzen dich, weil sie dich in dir erkennen und nicht jemanden zu sehen wünschen, den du zu keiner Zeit verkörpert hast. Eine Freundschaft in einem solchen Stil hält weder Wind noch Sturm Stand.
Im Zuge der Loslösung von der Anpassung verliert sich jeder Schein. Auch eine unechte Freundschaft, Partnerschaft und ein ebenso falsches Familiengefüge zerbröselt mit der Zeit. Hingegen bleibt, was wirklich ist. Anderes dürfen wir loslassen.
Und wenn nichts mehr bleibt?
Und wenn jeder geliebte Mensch das Weite sucht?
Dann tritt der jahrelange Selbstmissbrauch zugunsten der Anpassung in seiner ganzen Härte in Erscheinung. Je mehr jetzt geht, je mehr sich jetzt verliert, desto fremder sind wir uns gewesen. Die Flucht vor dieser Konsequenz, der heimliche Versuch, die Anpassung doch aufrechtzuerhalten, wird uns an diesem Punkt nicht mehr zum Erhalt dieses Lebensmodells führen. Denn wir wissen jetzt, wer wir sind. Ein individueller Mensch, der seine Gegenwart mit echten Freunden verbringen will.
Und es braucht Zeit und Zeit verlangt nach Geduld. Das Echte löst das Unechte nicht lückenlos ab. Es schleicht sich sanft ins Leben ein, findet darin seinen Platz. Vielleicht sind wir in den Anfangsmonaten für uns, dürfen uns erneut entdecken. Vielleicht sind Beruf, Job, Familie, Freunde und Partnerschaft gegangen. Neuausrichtung! Schwierig, ja! Aber ohne innere Widrigkeit durch ständigen Selbstverrat.
Wir sind in uns angekommen. Das innere Eigenheim ist nicht mehr ungeduldig. Es zeigt sich offen, einladend und mit der Zeit kommt das Glück zurück. Kein inneres Drängen, weil ein Drängen auf Veränderung lediglich den seelischen Missstand aufzeigt. Ungeduld ist die Fassade der inneren Unzufriedenheit. Im Modus der Anpassung wollen wir etwa schnell Abschlüsse erreichen, viel Geld erhalten, große Ziele erreichen. Im Modus der Echtheit wollen wir sein und haben verstanden, dass dieses SEIN das größte Geschenk von uns und an uns selbst ist.
Vom Verständnis für das eigene Wesen
Im Zentrum der Loslösung von der Anpassung steht das beharrliche Streben nach innerem und äußerem Selbst. Dieses Selbst ist zunächst auf Verständnis angewiesen. Verständnis erfordert aktive Beschäftigung, gründliches Erforschen, teils Herantasten an eine unbekannte Welt – ein unerforschtes Ich.
Lernen geht mit dem Verlust der Unwissenheit einher. Bis wir das Gelernte als inneren Reichtum betrachten, wirkt uns die Bemühung lästig. Danach wird das Schwere zur Leichtigkeit mutieren und uns mit den süßen Früchten neuer Erkenntnisse versorgen.
Das kontinuierliche Ich gewinnt im Gegensatz zum angepassten Ich täglich neue Erkenntnisse, die es zu Anfang behäbig in die Lebenszeit integriert. Mit der Zeit und dem Training für das Selbst erfahren wir immer mehr über die empfundene Eigendynamik im Mysterium von Körper, Geist und Seele. Wir begreifen uns als Erschaffende der eigenen Wirklichkeit und nicht mehr als Opfer der jeweiligen Epoche.
Das setzt Glücksgefühle frei. Ein Teil fühlt sich nach einem Sieg über die eigene Niederlage an. Ein weiterer Teil lässt ein erhabenes Empfinden zu. Wir widersetzten uns den eigenen Widrigkeiten und lernten die innere Mixtur aus unbekannten Substanzen zu deuten. Nach der Deutung durch Handlung herrscht Klarheit über eigene Ziele und den tatsächlichen Sinn.
Viele Menschen plagen sich mit einer lebenslangen Sinnsuche. Am Ende ihres Lebens bleibt ihnen lediglich eine Idee davon, nie ausgetestet, zu keiner Zeit erlebt. Sobald wir nicht mehr lediglich als Angepasste durch die Welten ziehen, uns zu uns selbst bekennen, in unserem Sinne handeln, für unsere Sache eintreten, beginnen wir mit einer inneren Umprogrammierung. Plötzlich ist alles Tun sinnhaft. So bewegen wir uns weiter unserem Seelenruf entgegen, fernab von den schillernden Farben einer falschen Identität – geprägt von Konsumwahn, von Missbrauch diverser Substanzen, von einer ständigen Suche nach Befriedigung als Ersatz für Echtzeit und der permanenten Sucht, Langeweile zu umgehen. Weil Langeweile vor allem eines ist: Zeit, in der wir uns und unserer falschen Identität ausgesetzt sind und diese Zeit können wir nicht ertragen. Sind wir uns im tiefsten Inneren doch der fürchterlichen Mär bewusst, die wir uns im Zuge dauerhafter Anpassung erzählten.
Meint Leben vollständig ohne Anpassung zu existieren?
Ich äußerte mich in diesem Artikel sehr kritisch zum Thema Anpassung, verabsolutierte sie als Ausdruck des Schlechten. Das gedenke ich an dieser Stelle zu konkretisieren.
Aus meiner Sicht gibt es verschiedene Arten der Anpassung und darin diverse Perspektiven.
Im Wesentlichen ist die Anpassung von tragender Bedeutung, so sie das Überleben sichert. Und das tut sie. So etwa lernen wir von unseren Eltern durch Anpassung, wie wir innerhalb der Gesellschaft überleben können. Dies möchte ich beinahe als existenzielle Form der Anpassung bezeichnen.
Im Gegensatz dazu bildet sich durch das engmaschige gesellschaftliche Miteinander, durch Kommerzialisierung und ewiges Konkurrenzdenken eine vernichtende Form der Anpassung aus. Sie ist nicht auf das Überleben in üblicher Form ausgerichtet, wohl aber auf Sichtbarkeit durch Unsichtbarkeit. Kurzum: Wir glauben, nur Teil der Gesellschaft und sozialen Gruppe sein zu dürfen, wenn wir sind, wie andere uns haben wollen. Diese Form der Anpassung könnte man überspitzt als perfektionistische Form der Anpassung bezeichnen. Und Perfektionismus ist etwas, was lediglich im Kopf geschieht und nicht Teil des natürlichen Kreislaufs ist. Perfektionismus will schlicht betrachtet etwas sein, was es nie gegeben hat, definiert Fehlerfreiheit aus eigenem Ermessen und verlor vollständig die Basis der eigenen Wertschätzung.
Die Frage, ob ein Leben ohne Anpassung generell möglich ist, beantworte ich mit einem klaren Nein. Anpassung findet überall statt, wo Leben stattfindet. Selbst in Abgeschiedenheit müssen wir uns den Bedingungen der Natur anpassen. Diese Anpassung dient als Schutz und sichert die Zukunft. Ohne sie wäre alles Leben nichts, würden neue Daseinsformen keine weiteren Fähigkeiten entwickeln, wäre das Leben zeitlos unveränderbar. Wir sind somit auf Anpassung angewiesen.
Die vernichtende Form der Anpassung versteht sich als Dolch im Herzen. Sie ist es, die ich als Tumor im Zeitgeschehen werte. Sie bringt uns um die Sinne, nimmt uns die Einzigartigkeit und macht etwas aus uns, das wir in der Kindheit sicherlich nicht freudig bestaunt hätten. Sie nimmt den Gestaltungsraum, wertvolle Zeit, lässt innere Gewinne nicht zu, konzentriert sich auf die Fassade und nicht auf den Kern. Sie ist zu überdenken, denn sie schafft Unwohlsein, beschenkt mit Verblendung und Selbstentfremdung. Wohl mag die vernichtende Anpassung nicht die einzige Wurzel allen Übels sein, doch sie trägt nicht zum Aufbau eines von Individualität geprägten Wesens bei.
Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, empfehle ich dir den Artikel „Inwiefern gilt ein atypischer Lebenslauf als Makel statt als individuelle Entwicklung“.